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Weihnachtsinterview mit Provinzial P. Oliver Ruggenthaler ofm

Weihnachten ist grundsätzlich zeitlos aktuell – Gott will dem Menschen begegnen

Maria und Josef waren damals als Flüchtlinge unterwegs, so wie es gegenwärtig 60 Millionen Flüchtlinge weltweit sind. Ist Weihnachten gegenwärtig nicht sehr nahe am ersten Weihnachtsfest dran?

Weihnachten, so denke ich, ist grundsätzlich zeitlos aktuell: Gott will in großer Sehnsucht dem Menschen jeder Zeit begegnen. Im Kind liefert er sich geradezu aus. Und zumeist sind es die Einfachen und vom Leben Bedrängten, die das unscheinbare Kind in ihrer Sehnsucht nach Frieden und Heil überhaupt wahrnehmen. Der heilige Franziskus hat das in seinem weihnachtlichen Betrachten kurz und prägnant ausgedrückt, wenn er betet: „... und er wurde für uns geboren am Weg“, sozusagen als Flüchtlingskind.

Weihnachten ereignet sich „am Weg“, abseits, am Rand! Daher kommt der Verkündigungsengel ja zu denen am Rand, er tritt ein in die beengte  Lebenswirklichkeit der Hirten draußen vor den Stadttoren von Bethlehem. Ganz unerwartet, unverhofft und plötzlich weitet sich der Blick jener ganz am Rand von Stadt und Gesellschaft für die große Verheißung, die Wirklichkeit wird in der Heiligen Nacht. Es wird ihnen vom Himmel her besondere Aufmerksamkeit geschenkt und vielleicht zum ersten Mal so etwas wie Würde.

„Friede den Menschen guten Willens“ hallt es auch heute noch wider in einer Welt, die seither scheinbar nicht besser geworden ist. Krieg, Terror, Hunger, Seuchen, Flucht ... all das hat auch im Jahr 2015 die Schlagzeilen beherrscht. All das ist sogar näher an uns heran gerückt, zu uns im vermeintlich sicheren, geschützten Europa. Angst und Beklemmung machen sich auch hierzulande breit.

Es braucht von allen Seiten viel guten Willen, damit es wieder friedvoller und gerechter wird auf Erden. Lernen wir vom menschgewordenen Gott im Kind von Bethlehem, schenken wir die Barmherzigkeit, die Zuwendung und Nähe weiter an die Hirten unserer Tage, an jene am Rand, in Not und Bedrängnis. Nur so kann Friede wachsen, aus der bleibenden Zuwendung des menschenfreundlichen Gottes.

Wie versuchen die Franziskaner in Österreich und Südtirol den Flüchtlingen gegenwärtig eine „Herberge“ zu geben?
In Klöstern und Einrichtungen der Franziskanerprovinz haben wir gegenwärtig etwa 140 Menschen auf der Flucht zu Gast, d.h. circa gleich viele Flüchtlinge wie Mitbrüder. Unsere Mitsorge in diesem Bereich sehe ich als konkreten Auftrag des Evangeliums an uns Brüder. Es sind ja nicht Syrer, Afgahnen und  Afrikaner, die aklopfen und Herberge suchen, es ist letztlich immer auch das Kind von Bethlehem, dem wir hier die Tore aufmachen oder auch nicht. Und es geht immer und zuerst um den konkreten Menschen, der einen Namen hat und eine Geschichte, und nicht um die Masse an Flüchtlingen, die uns Angst macht, auch manchem Mitbruder.  

„Gott wird Mensch“ – Dieses Geheimnis von Weihnachten ist sensationell. Aber was braucht dieses Geheimnis, um die Herzen der Menschen wieder erobern zu können?
Vielleicht denken, reden und handeln wir in der Verkündigung zu kompliziert und verdunkeln so das Geschehen der Menschwerdung mehr. als dass wir es den Menschen nahe bringen können.. Gott ist nie kompliziert, er spricht zu uns einfach, verständlich, im Kind Jesus Christus sogar ganz ohne Worte – aber genau das versteht jeder. Wahrscheinlich dürfen wir wieder demütiger schauen, staunen, betrachten, wie es Franziskus beim Krippenspiel zu Greccio gemacht hat. Das hat die Herzen angerührt, nicht in einer Sentimentalität, sondern in einer existenziellen Tiefe. Also mehr miteinander Hören, Schauen, Staunen und uns gemeinsam freuen. Das ist ja auch der Weg der Hirten zum Christuskind. 

Wie wird im Kloster Weihnachten gefeiert?
Im äußeren Rahmen eher schlicht. Wir versuchen vor allem für die Menschen da zu sein, sei es in den liturgischen Feiern, in der Feier der Sakramente, in der persönlichen Begegnung oder im „Sakrament der Straße“, d.h. in der Sorge um jene am Rand bzw. „am Weg“.

Nicht nur Kinder richten zu Weihnachten Wünsche an das Christkind. Welchen Wunsch hat der Provinzial der Franziskanerprovinz Austria an das Christkind?

Ich wünsche mir vor allem, dass wir als Minderbrüder unterwegs und beweglich bleiben, dass der fleischgewordene Herr Jesus Christus unsere Mitte ist oder wieder neu wird, dass junge Menschen den Weg mit uns teilen, dass wir als Gemeinschaft und als einzelne vorbehaltlos und unkompliziert jenen begegnen können, die unsere Wege kreuzen. 

(24-12-2015 / P. Thomas Lackner/red.)