"Als Ordensfrau bewusst Frau sein."

Für die Hartmannschwestern gehört die Liebe zum Lebensprogramm, denn die Gemeinschaft trägt den offiziellen Namen "Franziskanerinnen von der christlichen Liebe." Schwester Dr. Edith Beinhauer erzählt aus ihrem Leben als Ordensfrau.

Die Hartmannschwestern wurden zur Pflege von Kranken ins Leben gerufen. Wie schaut der Dienst konkret aus, den die Schwestern den Menschen erweisen?

Im 19. Jahrhundert lag die Pflege von Kranken weitgehend danieder. Vielen Pflegern fehlte die Ausbildung und vor allem die Motivation für ihre Aufgabe. An einem Wiener Krankenhaus schlossen sich daher Krankenschwestern zusammen, die aus ihrer christlichen Überzeugung heraus den Menschen dienen und ein Leben als geistliche Schwestern führen wollten. Offiziell gegründet wurde unsere Gemeinschaft 1857 im Wiedener Bezirksspital. Die Schwestern widmeten sich von nun an der Krankenpflege in verschiedenen Krankenhäusern. Bald haben die Schwestern zwei Häuser in der Hartmanngasse im fünften Wiener Gemeindebezirk erworben und begonnen, diese in ein Spital umzugestalten. Hier sollten Kranke, egal aus welchen sozialen Schichten sie kamen, Betreuung finden.

Anfangs war im Krankenhaus Platz für vier Patienten. Heute zählt das Hartmannspital 170 Betten. Über unser Mutterhaus hinaus betreuen heute die Schwestern unserer Ordensgemeinschaft in Österreich auch Altenheime und Kindergärten. Weitere sechs Niederlassungen haben wir in Argentinien und Paraguay. Jedes dieser Häuser führt eine kleine Ambulanz zur medizinischen Hilfe der Bevölkerung. Für ihren Dienst werden die Schwestern von den Menschen in Südamerika sehr geschätzt. Die Chauffeure in Buenos Aires nehmen als Ausdruck ihrer Hochachtung die Schwestern gratis im Linienbus mit.

Vor drei Jahren hat Papst Johannes Paul II. Schwester Restituta Kafka, die zu Ihrer Kongregation gehörte, seliggesprochen. Mittlerweile hat es die neue Selige zu einer großen Popularität gebracht.

Schwester Restituta war eine bodenständige und bei den Patienten und Mitarbeitern im Spital äußerst beliebte Schwester. Als sie sich weigerte, die Kruzifixe im Spital in Mödling abzunehmen, wurde sie verhaftet und vom NS-Regime zum Tod verurteilt. Am 30. März 1943 wurde sie hingerichtet.

Im Oktober ist in Wien der Platz neben dem Millennium-Tower, dem höchsten Gebäude der Stadt, und der U-Bahn-Station Handelskai nach ihr benannt worden. Der "Maria-Restituta-Platz" liegt in der Brigittenau, in jenem Stadtteil, in dem Schwester Restituta aufgewachsen ist. Hier hat sie mit ihrer Familie als tschechische Einwanderer das Elend der Zuwanderer erfahren. Hier ist aber auch ihre Berufung gewachsen, Ordensschwester zu werden und sich für Schwache und Ausgegrenzte einzusetzen. Heute geschehen in der Brigittenau viele soziale Initiativen. Die Politiker sind hier sehr engagiert. Somit ergibt sich eine Parallele zum Einsatz der Schwester Restituta, die den Menschen unabhängig von seiner Herkunft und Ideologie geschätzt hat. Mit ihrem Einsatz ist Restituta zur Brückenbauerin geworden. Das macht die Selige heute, in einer Zeit der Entsolidarisierung, zu einem leuchtenden Beispiel dafür, dass es auch anders gehen kann.

Diskutiert wird die Frage der Stellung der Frau in der Kirche. Was meinen Sie dazu?

Auf dieses Thema wurde früher weniger, vielleicht zu wenig Wert gelegt. Im allgemeinen machen wir in der Kirche gute Erfahrungen; zu einzelnen kirchlichen Stellen haben wir als Frauen allerdings einen schwereren Zugang.
Als Ordensfrau dürfen wir bewusst Frau sein. Frau und Mann haben ihre je spezifischen Begabungen. Eine einander ergänzende Zusammenarbeit zwischen beiden wäre wünschenswert in der Kirche. Von daher bin ich grundsätzlich auch für die Einführung des Diakonats für Frauen, weil dieses eine Bereicherung für die Kirche wäre.

Ich danke für das Gespräch.
Br. Gottfried Wegleitner, Gespräch am 15. November 2000