Agnes von Prag

Mut zur Berufung zeigte Agnes von Prag. Begeistert von Franziskus und Klara aus Assisi trifft sie eine radikale Entscheidung. Sie Königstochter wählt den Weg der Armut.

Geboren am 20. Januar 1211 als jüngste Tochter des Böhmenkönigs Ottokar I. entstammte Agnes der bedeutenden Dynastie der Przemysliden. Gemäß den Gepflogenheiten wurde die Dreijährige mit dem schlesischen Fürstensohn Boleslaus verlobt und kam zur Erziehung ins Zisterzienserkloster Trebnitz. Nach dem frühen Tod ihres Verlobten kehrte sie nach Böhmen zurück, wo sie im Kloster Doksany eine umfassende Bildung erwarb. Ihr ehrgeiziger Vater erreichte bald darauf eine Verlobung mit dem Kaisersohn, dem späteren Heinrich VII. Während Agnes sich am Wiener Hof mit der deutschen Sprache und den fremden Gebräuchen vertraut machte, wurde die Eheschließung durch politische Intrigen vereitelt. Doch blieb die tschechische Prinzessin weiterhin Gegenstand politischer Heiratspläne. Sowohl der König von England als auch Kaiser Friedrich II. selbst bemühten sich um ihre Hand.

Mut zur Berufung

Für die schöne und begabte Agnes zeichnete sich also nach damaligen Vorstellungen eine „Traumkarriere“ ab. Doch da bisher andere über sie entschieden hatten, trat nun erstmals ihr Selbstbewusstsein auf spektakuläre Weise ans Licht der Öffentlichkeit: Agnes lehnt die kaiserlichen Heiratsangebote ab und löst dadurch in ganz Europa großes Erstaunen aus. Sie wendet sich an Papst Gregor IX. Mit seiner Unterstützung gelingt es ihr, ihrer eigenen Berufung zu folgen, die in eine ganz andere Richtung weist.

Wenige Jahre zuvor war in Assisi Franziskus gestorben, dessen Ruf und Lebenszeugnis sich in Windeseile verbreitet hatten. Agnes ließ 1232 mit Einwilligung ihres Bruders, Königs Wenzels I., die Franziskaner nach Prag holen. Durch diese Franziskaner dürfte sie auch Näheres über Klara von Assisi erfahren haben, die als treueste Nachfolgerin des Poverello zusammen mit ihren Schwestern, den „Armen Frauen“, im Klösterchen von San Damiano bei Assisi lebte. Agnes fühlte sich von Klaras Lebensform zutiefst angesprochen. Sie verkaufte ihre beweglichen Güter und baute mit dem Erlös in Prag unweit der Moldau ein Kloster für Franziskaner und eines für Klarissen. Auch ein Armenhospital ließ sie errichten.

Aussätzige pflegen

Nachdem die ersten Schwestern ihr einfaches Leben im Prager Kloster der Klarissen begonnen hatten, trat Agnes, die Königstochter, selbst der Gemeinschaft bei. Was für ein Aufsehen in der Öffentlichkeit! Im Kloster duldete Agnes keinerlei Bevorzugung, verrichtete die einfachsten Arbeiten, pflegte die Kranken, ließ in den Leprosenhäusern die blutigen Lappen und Kleider der Aussätzigen sammeln und wusch sie.

Obwohl sie einander nie sahen, entstand zwischen Agnes und Klara eine tiefe Freundschaft, die sich auch in einem regelmäßigen Briefwechsel zwischen Prag und Assisi  niederschlug. Leider sind nur vier Briefe Klaras an Agnes erhalten, die aber zu den kostbarsten Dokumenten einer franziskanischen Geistigkeit „fraulicher Lesart“ gehören. Im letzten dieser Briefe schreibt Klara kurz vor ihrem Tod an ihre beste Freundin: „Ich freue mich und frohlocke mit dir in der Freude des Geistes, Braut Christi, weil Du dem unbefleckten Lamm, das die Sündern der Welt hinwegnimmt, vermählt bist, nachdem Du alle Eitelkeiten der Welt hingegeben hast. Wisse, dass ich Dein glückliches Andenken unauslöschlich auf die Tafeln meines Herzens niedergeschrieben habe, weil ich Dich lieber habe als alle.“

Verzögerte Heiligsprechung

Agnes starb im ruf der Heiligkeit stehend am 2. März 1282. Nach ihrem Tod geschahen auf ihre Fürsprache etliche aufsehenerregende Heilungen. Schon bald wurde ein Heiligsprechungsprozess vorbereitet, zu dessen Ausführung es aber wegen verschiedener noch ungeklärter Umstände nicht kam. In den Hussitenwirren des 15. Jahrhunderts verschwand der Leichnam Agnes´, was eine Kanonisierung bedeutend erschwerte. Doch blieb die Agnes-Verehrung im tschechischen Volk über die Jahrhunderte lebendig. Der 1936 wieder aufgenommene Heiligsprechungsprozess konnte schließlich zum positiven Abschluss gebracht werden. Am 12. November 1989 nahm Papst Johannes Paul II. Agnes von Prag offiziell unter die Heiligen der Kirche auf. Nur wenige Tage später brach durch die sogenannte „samtene Revolution“ unblutig die kommunistische Herrschaft in Tschechien zusammen. Der Gedenktag der Heiligen wird jährlich am 2. März begangen.

(Pater Bernhard Holter OFM)

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